Die PV Branche braucht einen professionellen Umgang mit Problemen

if you don’t fail you are not innovative enough
Wer Fortschritt und technische Innovationen haben möchte, muss neue Dinge ausprobieren. Elon Musk bringt es auf den Punkt mit dem Satz „if you don’t fail you are not innovative enough“ Niemand, der Neues probiert, kann im Vorfeld einer Markteinführung alle Eventualitäten späterer Probleme zu 100% abschätzen und alle Risiken vermeiden. Jede unternehmerische Investition ist daher mit Risiken verbunden und die Ökonomen erklären uns, dass die Verzinsung auf das eingesetzte Kapital eine Prämie für das eingegangene Risiko darstellt. Lässt man das Geld unter dem berühmten Kopfkissen liegen, ist es eben sicherer, als es in ein unternehmerisches Vorhaben mit ungewissem Ausgang zu investieren. In der Photovoltaikbranche sind wir darauf angewiesen, die Preise immer mehr nach unten zu senken, damit Solarstrom konkurrenzfähig und irgendwann sogar einmal billiger wird als die mit Erdöl und Erdgas bereit gestellten Energieprodukte. Das ist (hoffentlich) unser aller Ziel und niemand wird sagen können, dass dieses Ziel erreicht werden kann, ohne jegliches Risiko einzugehen.
In der Photovoltaikbranche werden diese Risiken auf allen Wertschöpfungsebenen eingegangen, sei es bei der Einführung neuer Verfahren zur Silizium Herstellung, sei es bei der Zellherstellung, der Modulherstellung, bei der Erprobung neuer Einbettungsverfahren für die Zellen oder sei es beim Endkunden, der sich schließlich eine PV Anlage auf seine Gewerbeimmobilie oder sein Privathaus installiert. Keine dieser Investitionen ist ohne Risiko und wer sich nicht selbst was vormacht, weiß das auch. Dafür wird die Bereitschaft zum Eingehen dieses Risikos ja auch mit einer entsprechenden Prämie, nämlich der Verzinsung des eingesetzten Kapitals, belohnt.

Was passiert nun, wenn der Fall eintritt, dass sich herausstellt, dass an einer Stelle der Wertschöpfungskette ein Problem auftritt, und das eingegangene Risiko offenbar zu groß war ?
Das ist keineswegs die totale Katastrophe, sondern ein ganz normaler Vorgang. Sicherlich kann und muss man sich zu Recht darüber unterhalten, wie groß ein Risiko maximal sein sollte und dass es ein No Go ist, wenn andere massiv bedroht werden oder es vielleicht sogar lebensgefährlich wird.

Ich habe diese lange Vorrede zu meinem eigentlichen Thema gewählt, weil ich klar machen will, dass wir nur durch Trial and Error lernen und besser werden können und dass wir als Branche dazu verdammt sind, Dinge auszuprobieren und damit eben auch Fehler zu machen. Wenn dann allerdings ein Problem auftritt, sind wir moralisch dazu verpflichtet, mit diesem Problem auch transparent umzugehen und dafür zu sorgen, dass der eingetretene Schaden auch entsprechend dem eingegangenen Risiko fair unter allen Marktpartnern verteilt wird. Es kann eben nicht sein, dass man auf einer bestimmten Wertschöpfungsebene ein Problem erkennt und sich dann so lange tot stellt oder wegduckt, bis es nicht mehr anders geht. Wie oft ist es schon passiert, dass am Ende die kleinen Handwerksbetriebe oder die Endkunden auf einem riesigen Berg von Problemen sitzen geblieben sind und sich die Marktteilnehmer, die als erste von einem Problem erfahren haben und bislang die größten Stücke am Kuchen innerhalb der Wertschöpfungskette eingesteckt haben, sich durch eine frühzeitige Insolvenz aus der Verantwortung gestohlen haben.

Es gibt ein Problem
Wir haben ein Problem in der Photovoltaikbranche und es deutet sich an, dass es sich um ein gewaltiges Problem handelt. Wir müssen dringend reden und wir müssen dringend für Transparenz und einen offenen Umgang mit dem Problem sorgen. Ich spreche vom Versagen von Rückseitenfolien und dem damit verbundenen Verlust der Isolationsfestigkeit der Solarmodule. Wenn das Problem eintritt, treten immer häufiger Isolationsfehler auf, die irgendwann einmal auch die Wechselrichter dazu veranlassen, die Anlage aus Sicherheitsgründen nicht mehr einzuschalten.

Risse in der Rückseitenfolie von (Foto: Denis Willwater Fa. inspectis)
Risse in der Rückseitenfolie von (Foto: Denis Willwater Fa. inspectis)

 

Am Ende kommt es zum vollständigen Zusammenbruch der Module (Fotos: Dennis Willwater inspectis)
Am Ende kommt es zum vollständigen Zusammenbruch der Module (Fotos: Denis Willwater Fa. inspectis)

Das Problem tritt am Anfang nur bei feuchter Witterung ein, irgendwann kommt es dann immer öfter und irgendwann geht der Wechselrichter überhaupt nicht mehr ans Netz. Es wurden Module beobachtet, bei denen man beim Berühren der Rückseite leichte elektrische Schläge bekommt. Hier ist also die Betriebssicherheit der Anlagen nicht mehr gewährleistet. Es wurden Fälle beobachtet, bei denen sich zwischen den Zellen ein Rissmuster gebildet hat, dass offenbar dazu führt, dass Feuchtigkeit in die Module eintreten kann. In der Folge führt dies dazu, dass Zellverbinder korrodieren und hochohmig werden. Das bewirkt wiederum das Platzen der Frontgläser und schließlich den völligen Kollaps der betroffenen Module. Wir reden in solchen Fällen von einem Totalverlust im Megawattbereich. Es gibt Berichte, dass ein verwendeter Typ von Rückseitenfolien besonders stark betroffen ist, es gibt aber auch Berichte von versagenden Rückseitenfolien von anderen Herstellern. Es kursieren Gerüchte von Reparaturmöglichkeiten in Fällen, wo das Problem noch nicht weit vorangeschritten ist, z.B. durch Reparaturfolien, die auf die Rückseiten der betroffenen Module aufgebracht werden könnten. Andere Kollegen sind eher skeptisch, da sich die Fehlerströme eher quer durch die schadhaften Folien zum Modulrand und damit zum leitfähigen Modulrahmen hinbewegen. Das Problem oder besser gesagt die Probleme wurden zuerst in den südeuropäischen Ländern beobachtet und man geht davon aus, dass höhere Temperaturen und auch höhere Luftfeuchtigkeit die Problematik verstärken.

Das Ausmaß
Das Ausmaß des Problems liegt derzeit noch völlig im Dunkeln. Es ist lediglich bekannt, dass viele große Hersteller betroffen sind. Die am meisten in Verdacht stehende Rückseitenfolie wurde offenbar in einem Zeitraum von 2010–2014 verbaut. Das Problem tritt offenbar nach 5 – 6 Jahren auf, in warmen und feuchten Klimazonen auch schneller. Die Module haben dann noch Isolationswerte zwischen 3 und 10 MOhm. Es kursieren Zahlen der betroffenen Module in einer Größenordnung von weltweit 10 GWp.
Als ich diese Zahl zum ersten mal gehört habe, ist mir im wahrsten Sinne des Wortes die Kinnlade herunter gefallen. Es geht hier also um eine Größenordnung, die im schlimmsten Fall das gesamte „Projekt Energiewende“ gefährden kann. Zum Vergleich: In Deutschland erreichen wir in diesem Jahr eine Gesamtzahl von 52 GWp installierter Leistung.

Aufforderung an die Branche
Ich möchte daher diesen Artikel, in dem alles steht, was ich im Moment zum Thema weiß, dazu benutzen, die Branche aufzufordern, maximal mögliche Transparenz zu schaffen. Wir müssen dieses Problem adressieren. Es geht nicht darum, einzelne Hersteller an einen Pranger zu stellen. Wir müssen dringend wissen, welche Module genau betroffen sind.
Da die Modulhersteller für jedes Modul eine sogenannte BOM (Bill of Material = Rezept zum Aufbau der Module) haben, muss davon ausgegangen werden, dass die Modulhersteller wissen, welche Module betroffen sind. Wir müssen wissen, ob es Rettungsmöglichkeiten gibt. Wir müssen außerdem wissen, bei welchen Folientypen konkret die Gefahr gefährlicher Berührungsspannungen besteht. Nur wenn die maximal mögliche Transparenz hergestellt wird, besteht die Möglichkeit einer fairen Lastenverteilung zur Beseitigung des eingetretenen Problems. Nur wenn uns diese Kraftanstrengung gelingt, kann auch unser gemeinsames Projekt einer Solarisierung der Welt-Energiewirtschaft gelingen. Die Modulhersteller müssen transparente Verfahren zur Abwicklung von Schadensfällen etablieren, wie das auch bei anderen Problemen in der Vergangenheit gemacht wurde. Rückrufaktionen oder Reparaturangebote wie in anderen Branchen auch, müssen auch Normalität in der PV-Branche werden.

Mein Appell
Wir müssen es als Gesellschaft zulassen, das Fehler passieren, wir müssen diese Fehler dann aber auch als Gemeinschaft benennen und gemeinsam beheben.

Matthias Diehl 21.02.2020

Kommentare

  1. Hallo hr. Diehl,

    auch wir haben diese Probleme in unseren Modulen entdeckt. Wir haben in Deutschland ca 120MW und davon sind momentan ein Park mit 10MW betroffen und wahrscheinlich ein weiterer wo sich dies auch abzeichnet mit ca 80MW.
    Wir haben Strings gemessen und teilweise außer Betrieb gesetzt, wenn der Isowert kleiner 1 Megaohm war.
    Die typischen Anzeichen die Sie genannt hatten sind bei uns auch sichtbar. Momentan wird der 10MW Park kjomplett neu bestückt. Der hersteller hat uns dahingehend Lieferung zugesagt.
    Da die alten Leistungsklassen nicht mehr lieferbar ergeben sich hinsichtlich der Bestückung weitreichnende Probleme.
    Denn der Generator muß ja entsprechend dem an den Netzbetreiber vorgegebenen Daten konfiguriert werden.
    Modulgrößen passen nicht mehr unbedingt auf die Gestelle etc…
    zumindest ist das Problem erkannt, ob allerdings bei der im Raum stehenden Größenordnung alle Hersteller da Ersatz leisten bzw. überhaupt leisten können, dies weiß niemand.
    Viele Parkbesitzer die nicht so einem Monitoring haben oder wo die Wartung nicht entsprechend erfolgt werden diese Problematik nicht erkennen. Denn die Kosten werden ja meist so gering wie möglich gehalten. Das daraus Schäden entstehen, dies zeigt sich momentan nur verzögert.
    Gerade viele kleine private Dachanlagenbesitzer werden da im Stich gelassen, denn wer klettert hoch und schaut sich die Module von unten an? Den Aufwand betreibt keiner.
    MFG Buchwald

  2. Sehr geehrter Herr Diehl,
    aktuell habe ich gestern 48 Trina Module TSM230-PC05 vom Dach des Kunden geholt.
    Fehlermeldung war Iso-Fehler, vermutet wurde Kabel angefressen oder Stecker
    defekt.
    Als ich das erste Modul anhob sah ich die ersten kleinen Risse in der Folie.
    Am Ende hat sich gezeigt, daß genau der von Ihnen beschriebene Fehler
    an allen !!! Modulen vorliegt.
    Insbesondere sieht man, daß die Traufseitigen kaum Schäden haben,die am
    First aber starke Risse wie auf Ihrem Bild zeigen.
    Die Ortgang-Module sind nicht so stark betroffen wie die in der Mitte des Modulfeldes.
    Also eindeutig ein Temperaturproblemder Rückseitenfolie.
    Diese mach offensichtlich die Längenausgehnung bei Temperaturwechseln nicht mit,
    versprödet (Weichmacher sind weg) und bekommt Risse.
    Hier ist ein “kleiner” Kunde betroffen, nur 11,4kWp, kein Solarpark.
    Aber gerade die Privatkunden sind die schwächsten im System.
    Es sind die mit den meisten Dächern, wo man nicht so einfach an die Module kommt.
    Die Versicherung hat schon mitgeteilt das sie nicht zahlen wird.

    Wir machen seit einigen Jahren hauptsächlich Reparaturen und Versicherungscshäden an PV-Anlagen und sehen das ganze Spektrum an Fehlern.
    Was ich vermisse ist ein Verzeichnis, woraus man sehen kann bei welchen Modulen es einen Serienfehler gibt.
    Das würde uns Fachinstallateuren die Arbeit erheblich erleichtern.
    Es geht nicht darum Hersteller anzprangern,
    sondern Fehler schnellstmöglich zu finden UND aus den Fehlern zu lernen.
    Es muss kein öffentliches Verzeichnis sein, nur zum Zweck Fachleute zu informieren.

    Wenn Ihre geschätzte Größenordnung für diese Backsheet – Fehler ansatzweise zutrifft,
    werden alle, die den erbeuerbaren Energieen schaden wollen, auf unsere Branche
    einschlagen. Und das mit Recht.
    Das wird uns alle unseren “guten Ruf” kosten.
    Die Herstelle sind in der Pflicht.
    Offen mit Ihren Problemen umzugehen schnell und großzügig für Abhilfe zu sorgen.
    Sonnige Grüße,
    Dirk Wegner, Sachverständiger für Photovoltaik

  3. Hallo Herr Diehl, habe das gleiche Phänomen bei Trina 230er bei Kunden festgestellt. Trina zahlt lt. Dt. Ansprechpartner in München nur den aktuellen Wp-Preis Netto [ca 23 Cent]. Die Abrechnung gestaltet sich immer komplizierter und genau wie von Herrn Wegner beschrieben wird der kleine Kunde als lästiges Übel behandelt. Hier ist es wichtig, alle Hersteller die diese bekannten Probleme haben namentlich zu erwähnen. Habe selbst bei Hersteller Titan Energy bei Rückkontaktzellen die Module auf meine Kosten ausgewechselt, da keinerlei Ansprechpartner im Reklamationsfall zuständig waren und alles bestritten. Ebenso bei Apollo Solar ASEC

  4. Die DGS weißt in ihren aktuellen Newsletter daraufhin mit einer Kontakt Email Adresse.

    Auszug: Die DGS, bzw. Matthias Diehl, bittet daher um Rückmeldungen. Wir wollen zunächst sammeln, aber auch beraten. Möglicherweise könnten diese Informationen in einen Fachartikel in der SONNENENERGIE münden. Ihre Rückfragen sammeln wir unter folgender Mailadresse: rueckseitenfolie(at)dgs.de.

  5. Kann man bitte schon die ersten Hersteller namentlich benennen um abzuschätzen welche von unseren PV-Projekte betroffen sein könnten?

    Sonnige Grüße,

    Dominik Sander
    Ingenieurbüro Sommerer & Sander

    1. Ich persönlich betreue einen Fall in dem 6 Jahre alte Trina Module (60Zeller mit 6″ Zellen monokristallin) betroffen sind. Firmennamen von Fällen, aus denen ich keine Infos aus erster Hand habe möchte ich nicht nennen. Es sind aber offenbar viele große Hersteller betroffen. Es bleibt zu hoffen, dass hier von Seiten der Hersteller in der näheren Zukunft eine offenere und kundenfreundlichere Informationspolitik betrieben wird. Dazu soll die Sammlung an Erfahrungen hier im Kommentarbereich dienen.
      Matthias Diehl

  6. Auch ich möchte die Aussage über die “deutsche Qualität”, sofern diese Module tatsächlich hier produziert und nicht nur gelabelt wurden, dahingehend ergänzen, daß beispielhaft Trina genannt wird, eine Qualitätsmarke. Es werden dieselben Produktionsanlagen, Solargläser und Folien bei allen Marken verwendet. Die Rückseitenfolien gab es zuerst nur von Dupont und später kam erst ein zweiter dazu. Glas-Glas-Laminate wären mit dieser Kenntnis eine Alternative. Die werden nicht so häufig produziert und die gibt es nur bis zur mittleren Leistungsklasse, also bspw. nicht von Sunpower oder LG. Weiteres Fazit: Bei der Sichtung von Schneckenspuren ein besonderes Augenmerk auch auf die Rückseitenfolie legen.

  7. Unsere Anlage 14,5 kWp ist in Betrieb seit 2013 und zeigte 2017 bei 19 Modulen AE P-60 250 Isolationsfehler. Die Rückseitenfolie hat sich im Randbereich, ca. 5-8 cm, gelöst und Feuchtigkeit gezogen. Der Hersteller ist abgetaucht, die Installationfirma in Königsbrunn hat umfirmiert und sich so jeder Gewährleistung entzogen. Die Inhaber sind unter gleicher Anschrift weiter in diesem Berich aktiv.

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